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Freud und Leid in Vereinsarbeit - ein Grußwort des Deutschen Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V. an die Schweizer Aktiven

von Michael Jack

www.hochsensibel.org

Während ich so gerade im Intercity nach Wien sitze fällt mir ein, dass ich Marianne Schauwecker versprochen hatte, noch ein Grußwort des Deutschen Vereins an die Schweizer Aktiven zu verfassen, sozusagen als Gegenleistung für den eidgenössischen Stand der Dinge in der ersten Intensity (Mitgliedermagazin des IFHS). Also den Schlepptop ausgepackt und losgetippelt, während vor dem Fenster das regnerische Frühjahrswetter den Blick auf die schöne Alpenrepublik verschandelt. Grüße an die Schweizer; bei der Gelegenheit - Details über unsere Arbeit lassen sich ja bei uns auf der Webseite nachlesen - ein paar Plaudereien über Dinge, die ich immer schon mal gesagt haben wollte, und die allgemeine Befindlichkeit.

Hauptmotivation für unsere Aktivitäten zum Thema Hochsensibilität ist bekanntermaßen das Erlebnis, für das ich krampfhaft den Namen "Gebirgsketteneffekt" zu etablieren versuche: Erstmaliger Kontakt mit dem Terminus Technicus "Hochsensibilität" führt bei Betroffenen häufig zu großer Erleichterung und potenziell zu einer fundamentalen Veränderung des Lebens zum Besseren. Plötzlich erklärt sich so vieles; man hat nicht mehr das Gefühl, ein Außerirdischer zu sein, alles wird toll und super und das Leben ist schön. Jedenfalls für etwa 1-2 Monate, bevor man vom Alltag wieder eingeholt wird. Trotzdem ist die Erkenntnis so wichtig, dass man beschließt, entsprechende Informationen weiterzugeben, um jene zu erreichen, die leiden, weil sie nicht wissen. Ihnen den Gebirgsketteneffekt und eine nachhaltige Erhöhung ihrer Lebensqualität zu verschaffen ist wichtigstes Ziel des Spiels beim IFHS.

Wer bei erster Konfrontation mit dem Thema nicht den Gebirgsketteneffekt erlebt, wird häufig, nachdem er oder sie sich höflich angehört hat, was man sich denn so unter dem Konstrukt vorstellt, die unvermeidliche Frage anschließen, ob man sich denn sicher ist, dass man nicht irgendwelchen abgespaceden Spinnern aufgesessen ist, die, wenn sie nicht gerade über Hochsensibilität schwadronieren, ihre Zeit, die ihnen auf Erden gegeben ist, damit verbringen, feinstoffliche Harmonie mit den Erdgeistern anzustreben oder ihre stellvertretenden Hilfstiere zu interviewen. Nett formuliert lautet die Frage: "Inwieweit ist das ganze wissenschaftlich anerkannt?" Wissenschaftler, bekanntermaßen wandelnde fleischgewordene Definitionen der Rationalität, würden schließlich nie irgendetwas behaupten, das nicht einer kritischen Prüfung anhand der höchst objektiven, unbestechlichen und brutalen Maßstäbe der kalten und interesselosen wissenschaftlichen Methodik standgehalten hätte.

Vielleicht bin ich da etwas sensibel, aber mir Paranoiker (untechnisch) kommt es ein bisschen so vor, als stecke hinter der Frage ein wenig die Unterstellung, man sei mindestens leicht naiv oder sogar schlicht blöde und würde Scharlatanerien nicht als solche erkennen. Hier böte sich dann die hinterhältig-bösartige Nachfrage an, was genau mit "wissenschaftlich anerkannt" gemeint ist, um den Fragenden in Bezug auf seine i.d.R. vorhandene Unkenntnis bezüglich wissenschaftstheoretischer Grundlagen moderner Forschung vorzuführen.

Aber erstens würde man auch selbst in dieser Hinsicht ein bisschen hochstapeln, zweitens ist man ja nett und drittens, was das wichtigste ist: Man könnte ja auch selbst der Scharlatan sein; insofern muss man anerkennen, dass die Frage als solche berechtigt ist, auch wenn man sie mittlerweile nicht mehr hören kann.

Also schön: Was hält denn so die Wissenschaft von dem Konstrukt der Hochsensibilität? Antwort: Achselzucken. Die Wissenschaft - gemeint ist wohl die akademische Psychologie - hat sich zu der Frage, ob das Konstrukt Hochsensibilität "valide" ist, schlicht keine Meinung gebildet; und solange es keine Meinung gibt, gibt es auch keine allgemeine Meinung, herrschende Meinung oder abweichende Meinung. Das gute Dutzend Veröffentlichungen reicht noch nicht einmal entfernt für eine Metastudie, geschweige denn für eine Erwähnung in den Standardlehrwerken. Wir würden uns ja wünschen, dass die Wissenschaft sich mit dem festen Vorsatz, diesen Unsinn aus der Welt zu schaffen, des Themas annimmt(, auch weil sich irgendein Paradiesvogel immer dafür finden würde, das Konstrukt für valide zu halten, nur um seine Kollegen zu ärgern), aber bisher scheint man sich eher für andere Dinge zu interessieren. Traurig einerseits, aber, naja, vielleicht gibt es wirklich wichtigere Dinge; schließlich ist mit dem Wissen, (möglicherweise) hochsensibel zu sein, schon viel erreicht.

Die Grundlage dessen, was wir so von uns geben, ist insgesamt infolgedessen recht dünn. Im Grunde reduziert sie sich auf die Erfahrung des Gebirgsketteneffekts. Das ist gesicherte empirische Basis, alles andere ist mehr oder weniger Spekulation. Es ist ein bisschen wie in der Astrophysik: Eine äußerst maue Befundlage koppelt sich mit faszinierendsten Ableitungen hochtheoretischer Natur, von denen niemand so genau weiß, ob sie brillant oder Quatsch mit Soße sind.

Eine kompakte Beschreibung unserer Arbeit lässt sich also in etwa so formulieren: Wir wissen so gut wie nichts, glauben aber, dass das Wissen von diesem Nichts ganz vielen Menschen helfen kann, weshalb wir wollen, dass möglichst alle von diesem Nichts wissen. (Die alte Kritik am Expertentum kommt ins Gedächtnis: Die Leute wissen immer mehr von immer weniger, so dass sie irgendwann alles über gar nichts wissen.)

Eine der Hauptaufgaben des Präsidenten des Informations- und Forschungsverbundes Hochsensibilität e.V. (den Titel umweht ein Hauch von Peinlichkeit; was habe ich mir bloß dabei gedacht?) habe ich immer darin gesehen, Euphorie zu dämpfen, um nicht falsche Erwartungen zu wecken und damit vorprogrammierte Enttäuschungen zu vermeiden. Ich muss (wir sind ja unter uns) aber zugeben, dass mir selbst gegenüber das nicht so ganz optimal funktioniert. Zu bedeutsam war einfach die Erfahrung der fundamentalen Befreiung in jener Nacht im Frühling des Jahres 2003, als sich mein Weltbild veränderte, als dass ich mich nicht darüber wundern würde, warum anscheinend so wenige Leute auf das Thema anspringen. Es müssten doch viel mehr sein, die nach Kontakt mit dem Terminus plötzlich einen Ankerplatz in dieser Welt finden?

Freilich darf man von fehlenden Reaktionen nicht auf fehlenden Impact schließen. Die Österreicher, die ja schon wesentlich länger dabei sind, kriegen recht häufig elektronische Post, in der immer wieder der Gebirgsketteneffekt beschrieben wird, und sie vermuten, dass das möglicherweise schlicht daran liegt, dass die Wiener Webseite viel freundlicher und einladender ist als die deutsche, die ziemlich neurotisch darum bemüht ist, wissenschaftlich-rational zu wirken, in der Hoffnung, dass Presse bzw. Wissenschaft darauf hereinfällt. Wie gesagt: Scharlatanerie und so.

Der Nachteil fehlenden Feedbacks ist neben kleinen Motivationskrisen vor allem, dass man nicht so recht mitkriegt, ob man nicht dummes Zeug von sich gibt. "Betriebsblindheit" heißt das wohl, wenn man viele Jahre nach dem Gebirgsketteneffekt nicht mehr recht merkt, ob das, was man über die Zeit 'davor' berichtet, überhaupt noch stimmt; ob man nicht vielmehr seit zu langer Zeit im eigenen Saft schmort. Ich merke das zum Beispiel dann, wenn ich Pressevertretern mal ein konkretes Beispiel geben soll, wann für mich ein sensorischer Input zu stark wird. Seit Jahren entwickele ich mehr oder weniger bewusst Mechanismen, Sachen abzukönnen, die vorher nicht gingen, und jetzt soll ich plötzlich wieder auf Kommando nervlich auf dem Zahnfleisch gehen? Ich behaupte dann häufig einfach, irgendetwas ginge mir gerade total auf den Wecker, obwohl das eigentlich gar nicht wirklich stimmt.

Putzigerweise kann das dazu führen, dass Presseberichte HS völlig überzogen und verzerrt darstellen. Der Aachener Zeitung zufolge bin ich ein nervöses Nervenbündel, dessen Augen zumindest in Cafés "flink hin und her" wandern und dessen Hände "keine Ruhe finden". Die Westdeutsche Allgemeine Zeitung hat meinem Vater und mir einen existenziellen Konflikt angedichtet, der jeden Psychoanalytiker vor Freude jauchzen lässt. Besonders gern lese ich natürlich auch, wenn von einer "neuen Krankheit" die Rede ist, wie das Hamburger Abendblatt kürzlich schrieb.

Böse bin ich den Journalisten allerdings nicht, da ich selbst mal in der Branche unterwegs war und daher weiß, wie so was zustande kommt. Ich selbst habe es mal geschafft, bei einem Reformationsgottesdienst einen Posaunenchor herbeizuphantasieren. Jedenfalls verliert man irgendwann nicht nur die Fähigkeit, Satire von Realsatire zu unterscheiden; darüber hinaus regt man sich auch über nichts mehr auf. Any news über hs is good news.

Ab St. Pölten hat sich das Wetter gebessert, und vor dem Eintreffen am Wiener Westbahnhof möchte ich noch eine Kleinigkeit essen. In der Hauptstadt der Habsburger werde ich mich mit Georg Parlow und Teilen der Wiener hs-'Szene' treffen. Man hat mir angekündigt, es werde im Anschluss in ein nettes Restaurant gehen. Ich bin gespannt.

April 2009, Michael Jack

Michael Jack wurde vor etwas mehr als 28 Jahren im westdeutschen Sauerland geboren. Nach einer mehr oder weniger normalen Jugend in der Provinz verschlug es ihn zum Jurastudium nach Bochum, wo er heute an der Ruhr-Universität Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand am Lehrstuhl für Rechtsgeschichte und Bürgerliches Recht ist. Er pflegt zu sagen, dass er in der Rechtsgeschichte forscht und im heutigen Zivilrecht lehrt. Dass er hochsensibel ist, weiß er seit etwas mehr als fünf Jahren.
www.hochsensibel.org

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