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Wissenschaftlicher Input zum Thema 'Traumafolgestörung und Hochsensibilität (HS)’

von Dr. phil Barbara Schmugge

www.barbaraschmugge.ch

Absicht dieser Zeilen ist es, gedankliche Verbindungen herzustellen zwischen dem, was in der Psychotraumatologie unter PTBS, also der posttraumatischen Belastungsstörung bekannt ist und der HS. Dabei konzentriere ich mich in diesem Input auf die Symptomatologie resp. – weil das eine klinische, d.h. in unserer westlichen wissenschaftlichen Perspektive (vorwiegend) pathologieorientierte Bezeichnung ist - auf die Zeichen der HS. Ich orientiere mich für letzteres, die Zeichen der HS, an Elaine Aron (Aron, 1997).

Ein Wort zu den unterschiedlichen Blickwinkeln ‚pathologieorientiert’ oder ‚ressourcenorientiert’. Es greift sicherlich zu kurz und wird heute so auch nicht mehr vertreten, dass die beiden Zugänge einander ersetzen, vielmehr ergänzen sie sich. Es stellt eine grosse Herausforderung an die modernen klinischen Wissenschaften der Seele (Psychiatrie, Psychologie) dar, nicht nur das Störende, Kranke, Andersartige genau zu erfassen, zu klassifizieren, zu verstehen und zu behandeln, sondern immer auch die Stärken und Potentiale der Betroffenen mit im Blick zu haben. Niemand ist immer und ausschliesslich krank. Solange der Mensch am Leben ist, hat er noch Gesundheit in sich. Das Störende, leiden Machende hingegen zu verharmlosen oder zu verkleinern, kann schon deshalb kein angemessener Weg sein, weil wir in der Psychiatrie und der Klinischen Psychologie ja gehalten sind, immer den empfindenden und erlebenden Menschen als Massstab zu nehmen für unser Denken und Tun, und der Mensch leidet an bestimmten Zuständen und Eigenarten, und nicht alle können ohne weiteres im Leiden einen Sinn erblicken.

Was versteht nun die Psychotraumatologie unter einer PTBS (d.h. unter einer posttraumatischen Belastungsstörung)? Ausgangspunkt für die Bestimmung dessen, was unter einem Trauma zu fassen ist, sind tatsächliche, stattgefunden habende extreme (extrem bedeutet hier: Nur wenige Menschen machen dies durch; Huber 2003) Lebenserfahrungen der Person, die anschliessend auf eine bestimmte Weise verarbeitet werden müssen, um zu einem Trauma zu werden. Anders formuliert: Es gibt kein Ereignis, auch nicht das in unserer Vorstellungskraft extremste, das per se, also nur durch die Grausamkeit des Ereignisses allein bei jedem Menschen zum Trauma wird1), sondern die zweite notwendige Bedingung ist der Mensch, der das extreme Ereignis auf eine bestimmte Weise verarbeitet. (Natürlich gibt es Forschung dazu, welche Ereignisse mit welcher Häufigkeit traumatisch verarbeitet werden.) Noch zu wenig bekannt ist, dass auch die Zeugenschaft extremer Ereignisse (nochmals: Ereignisse, auf die man sich nicht angemessen vorbereiten kann und welche die gängigen Bewältigungsmechanismen einer Person bei weitem überfordern) traumatisch verarbeitet werden kann.

Die Verarbeitung von extremen Lebensereignissen hängt nun ab von den Möglichkeiten der Person, d.h. von ihren Ressourcen. Eine wesentliche Ressource, deren Bedeutung man erst noch in ihrer Gänze erfassen muss, ist die Lebenserfahrung, die neben anderem den Hintergrund dafür bildet, dass Kinder und Jugendliche besonders vulnerabel sind für traumatisch verarbeitete Extremereignisse. Besonders Traumatisierungen innerhalb der wichtigen Bindungen zu Eltern oder Verwandten sind für die weitere Entwicklung von Kindern höchst erschwerend. - Überflüssig natürlich zu betonen, dass Traumatisierungen in jedem Lebensalter vorkommen können; besonders fatal hier, dass einmal Traumatisierte wegen der erlittenen Traumatisierung anfälliger sind für weitere.

Wird also eine extreme Lebenserfahrung traumatisch verarbeitet, zeigt sich das in einer bestimmten Form von Erscheinungen, Zeichen oder Symptomen, die wir klinisch als PTBS bezeichnen. Dabei gibt es die akute und die chronische Form (auf neuropsychologische Hintergründe, die mittlerweile gut erforscht sind, gehe ich in diesem Input gar nicht ein; und ich vertiefe nur die chronische Form). Die charakteristischen Symptome der PTBS werden beschrieben als Trias:
1. Formen des Wiedererlebens der Extremsituation: Albträume oder unvermittelt auftretende sog. flashbacks, überfallartig auftretende Erinnerungen, die als sehr unangenehm und bedrohlich erlebt werden;
2. ein das ganze Leben durchziehender Versuch, alles was (in sehr weitem Sinn) mit dem Extremereignis zu tun hat, zu vermeiden, wozu auch eine verminderte emotionale Ansprechbarkeit gezählt wird (Abstumpfung);
3. eine permanente nervliche Übererregung, die sich in Konzentrationsproblemen, erhöhter Reizbarkeit oder übertriebener Wachsamkeit zeigt.

Kurz zusammengefasst spricht man also von der posttraumatischen Symptomtrias flashbacks, Vermeidung und Übererregung (siehe auch Butollo et al., 2002); die Diagnose kann nur verliehen werden, wenn die betroffene Person ein Extremereignis erlebt hat; nicht unumstritten ist allerdings, was alles darunter zu zählen ist. Heute wird vermehrt von sog. Typ-I- oder single-blow-Ereignissen (Gewaltereignisse wie Überfälle oder Geiselnahme, kriegerische Gewalt, aber auch Naturkatastrophen, schwere Autounfälle oder die Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Krankheit) und von Typ-II- oder Mikrotraumata gesprochen. Letztere sind anders geartet: Sie sind fast immer sog. Beziehungstraumata wie Vernachlässigung und Verwahrlosung in der Kindheit, Gewalt in der Familie, sexuelle Übergriffe u.a. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den traumatisierenden Ereignissen ist mitnichten abgeschlossen, sondern sehr im Fluss. Relativierend muss überdies immer festgestellt werden: "Das sind .... die Kriterien für eine 'offizielle' Diagnose der PTBS. Dabei gilt aber: Grundsätzlich gibt es so viele Arten, eine traumatische Erfahrung zu bewältigen, wie es unterschiedliche Menschen gibt" (Butollo et al., 2002, S. 72).

Wir stehen also nur schon bei der Diagnostizierung von PTBS vor einer verwirrenden Vielfalt von Symptomen und zu beachtenden Umständen. Dies erschwert sicherlich den Bezug zur HS, der an dieser Stelle hergestellt werden soll.

Spätestens beim Symptom der Übererregung kommt die Verbindung zur HS ins Spiel. Auch die HS kennt dieses charakteristische Symptom. "Being a HSP also means, necessarily, that you are more easily overstimulated, stressed out, overwhelmed..." schreibt Elaine Aron auf ihrer homepage. Das heisst, dass es auch sein könnte, dass eine als hochsensibel 'diagnostizierte' oder sich als hochsensibel verstehende Person eine PTBS hat, also an einer Traumafolgestörung leidet. Dies unterscheiden zu können ist insofern wichtig, als eine Person mit PTBS eine spezifische therapeutische Behandlung erfahren sollte, eine HSP das hingegen (im Normalfall) nicht braucht.
Die Abgrenzung zwischen PTBS und HS wird auch nicht leichter oder klarer durch die anderen Symptome Vermeidung und flashbacks. Schreckhaftigkeit kann in der Tat mit flashbacks verwechselt werden, ja, die starke Schreckhaftigkeit, die HSP oft haben, kann eine Form der flashbacks sein! Und Vermeidung, verstanden als das Bemühen, belastende (weil an eine Traumatisierung erinnernde) Reize von sich fern zu halten, ist nicht leicht zu unterscheiden vom als angemessener Selbstschutz zu verstehenden Verhalten von Personen mit HS, Ruhe und Stressfreiheit zu suchen und zu pflegen.

Mit anderen Worten, das Fazit dieser kurzen Ausführung könnte sein, dass Personen mit HS gut daran tun abzuklären, womöglich mit Hilfe einer Fachperson, ob sie an einer Traumafolgestörung leiden könnten, welche durch eine geeignete Behandlung (traumaspezifische Psychotherapie ist heute weit verbreitet und gut vertreten in Mitteleuropa) gemildert werden kann.

Nicht ohne weiteres zu klären ist die Frage, ob eine bestehende Disposition zu HS eine PTBS nach einem Extremereignis begünstigt, d.h. in diesem Zusammenhang als Risikofaktor zu werten wäre. Um diese Frage zu klären, bräuchte es vertiefte Kenntnis darüber, was genau die HS-Disposition ist sowie Längsschnittstudien über viele Jahre des Lebens mit all seinen Fährnissen und auch Chancen.


1) Aron Antonovsky nimmt die überaus erstaunliche Tatsache, dass Menschen die Haft im Konzentrationslager ohne schwere psychische Schädigungen zu überstehen vermochten, zum Ausgangspunkt seines Modells Salutogenese (siehe auch Antonovsky, 1997).


Literatur zur Vertiefung:

Antonovsky, A. (1997; engl. Original 1987). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: DGVT-Verlag.
Butollo, W., M. Krüsmann & M. Hagl (20022). Leben nach dem Trauma. Über den therapeutischen Umgang mit dem Entsetzen. Stuttgart: Klett-Cotta.
Huber, M. (2003). Trauma und die Folgen, Band 1: Trauma und Traumabehandlung. Paderborn: Junfermann.
van der Kolk, B.A., A.C. McFarlane & L. Weisaeth (2000)(Hrsg.). Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Paderborn: Junfermann.


Sept. 2008 / Barbara Schmugge

Dr. phil, Gerontopsychologin/Dozentin am Departement Angewandte Psychologie ZHAW
(Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften)
www.barbaraschmugge.ch

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