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Abgrenzung – das Recht auf eigene Grenzen

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  • Was sind Grenzen überhaupt?
  • 'Äussere' Abgrenzung
  • 'Innere' Abgrenzung
  • Fallbeispiele
  • Für praktische Anregungen zum Thema siehe das Kapitel Praktische Tipps
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Was sind Grenzen überhaupt?

Dieses Bild des Meeres zeigt zwei Grenzlinien: die eine "grenzt" das Meer vom Himmel ab, die andere "grenzt" zwei Luftschichten voneinander ab. Gleichzeitig wird uns klar, dass dies gar keine wirklichen Grenzen sind. Das Meer hört bei der Grenzlinie, die unsere Augen wahrnehmen, nicht auf, und die Abgrenzung zwischen Wasser (Meer) und Luft (Himmel) ist ebenso eine Illusion, findet zwischen Wasser und Luft doch ein ständiger chemischer Austausch statt.
So müssen wir uns fragen: gibt es überhaupt Grenzen? Oder ist das etwas, was der Mensch aus seinem beschränkten Blickwinkel konstruiert hat, um seine Identität und seine Umwelt zu 'de-finieren' (fine = Ende)? Schon lange ist bekannt, dass unsere Körper zum grössten Teil aus Wasser bestehen, dass wir uns ständig erneuern, dass darum auch unsere "Grenzen" natürlicherweise gar nicht so klar definiert sind, wie wir das gerne annehmen. Hätten wir eine andere, schärfere Sicht, würden wir uns vielleicht gegenseitig als oszillierende, sich ständig verändernde "Zellanhäufungen" wahrnehmen!?

Alles auf dieser Erde, in diesem Universum ist offenbar miteinander verbunden. Doch gleichzeitig scheint Abgrenzung für uns lebensnotwendig, und wir nehmen uns als eigenständige, "getrennte" Wesen wahr. Das Neugeborene hingegen ist noch ganz ein Teil der Mutter und muss zuerst langsam lernen, aus dieser Einheit heraus zu wachsen und sich "abzugrenzen" (um sich später wieder nach dem "Einssein" zurück zu sehnen...).

Für hochsensible Menschen kann Abgrenzung - aufgrund der schwächer ausgebildeten Wahrnehmungsfilter und der daraus resultierenden Informations- und Reizüberflutung - ein grosses Problem sein: gute Wahrnehmungsfilter wirken wie eine "Grenze", die nicht alles einlässt. Und diese Grenzen sind bei HSP einfach nicht klar und stabil. Hochsensible nehmen natürlicherweise eher das Verbindende wahr als das Trennende. Sie spüren z.B. Dinge in anderen Menschen, welche jene noch gar nicht ausdrücken und leben oft in einer dauernden Vermischung zwischen innen und aussen. Dazu können verstärkende Lebensumstände kommen wie z.B. Unverständnis von aussen oder Übergriffe, welche erst recht dazu führen, dass die "Grenzen" sich vermischen und wir uns dem Leben ausgeliefert fühlen.

Umso mehr müssen wir uns darum kümmern, zu einer gesunden Abgrenzungsfähigkeit zu gelangen, denn trotz der "philosophischen" Erkenntnis der "Grenzenlosigkeit" unserer Welt, müssen wir ja doch im Alltag, welcher konkrete Grenzen von uns verlangt, funktionieren.

Ich unterscheide in diesem Kapitel der Einfachheit halber zwischen "äusserer" und "innerer" Abgrenzung.
- Unter "äusserer Abgrenzung" verstehe ich Grenzen, die wir unseren Mitmenschen und äusseren 'Immissionen' aktiv setzen müssen, um uns "im Leben draussen" zu schützen und intakt zu bleiben.
- Unter "innerer Abgrenzung" - oft schwieriger zu lernen - verstehe ich den Umgang mit all den vielfältigen Einflüssen des Lebens (z.B. dem Spüren der Befindlichkeit anderer, ohne dass diese darüber sprechen, mit Katastrophen, die in der Welt geschehen, mit Lärm, Geruch, 'Doppelbotschaften', Wetter, Atmosphäre, Hellfühligkeit etc.), denen hochsensible Menschen auch ohne aktiven äusseren Input in viel stärkerem Masse ausgesetzt sind als normalsensible Menschen.

'Äussere' Abgrenzung

Im Folgenden möchte ich praktisch schildern - und daraus dann ein Fazit ziehen, wie ich aus einem grossen Mangel an 'äusserer' Abgrenzungsfähigkeit mit der Zeit gelernt habe, mich besser gegen aussen abzugrenzen:

PHASE 1
Wenn ich an frühere Zeiten denke, muss ich mir eingestehen, dass ich mich fast gar nicht auf gesunde Art und Weise abgrenzen konnte. Darum war ich jahrelang in einem chronisch überlasteten, gestressten Zustand. Ich hatte nicht nur das Gefühl, ich müsse jede Anforderung, jeden Wunsch an mich mit "ja" beantworten, sondern ich bot mich sogar aus freien Stücken noch zu Wunscherfüllungen an, die ich beim andern nonverbal zu erraten glaubte. Da musste eine Freundin nur stöhnen: "am nächsten Samstag ist Umzugstag, ich werde es nie schaffen, alles noch in meine Schachteln zu verpacken..." Reflexartig hörte ich mich sofort sagen: "ich helfe dir!" Am bewussten Samstag dann - anstatt mich von der Woche zu erholen - packte ich schwitzend und müde fremde Utensilien in riesige Schachteln, half noch mit, schmutzige Badewannen zu putzen oder kochte Spaghetti für das ganze Umzugsteam. Nicht dass an Hilfsbereitschaft etwas falsch wäre! - aber sie kam gar nicht aus meinem Herzen! (vergleiche Kapitel "geben und nehmen") Ich erfüllte nur Erwartungen, die ich in andere Menschen hinein projizierte und glaubte, ich würde ihre Liebe verlieren, wenn ich nicht zu Diensten sei.

PHASE 2
Im jahrelangen Lernprozess zu einer besseren Abgrenzungsfähigkeit kam anschliessend eine Phase, in welcher ich mich verteidigen musste wie ein wildes Tier, wenn ich "nein" sagen wollte. Und im Innern herrschte bei meinen Abgrenzungsversuchen eine Mischung aus Verlustangst und Abwehr. Zu meinem Erstaunen musste ich einmal feststellen: "das ist ja eine Art lähmende Panik, die da abläuft!" Oft realisiert man das nämlich gar nicht, weil die Vernunft meint: "wegen so einer Kleinigkeit, kann ich doch nicht in Panik kommen..."
Doch - ich konnte! - und verlor dabei meine gesamte Flexibilität. Ich fiel also ins andere Extrem meines früheren Verhaltens und blockte nun fast alles ab, was an mich heran getragen wurde. Gleichzeitig lieferte ich immer lange Erklärungen dazu: "Weisst du, ich kann nicht, weil... Ich würde ja gerne, aber... Es geht WIRKLICH nicht!!" Anschliessend hasste ich mich, dass ich nicht einfach 'cool' und emotionslos sagen konnte: "Nein du, das geht leider nicht." Sondern dass ich so leiden musste, wenn ich mich doch nur auf das "Recht nach eigenen Grenzen" berief...

PHASE 3
Heute bin ich mittlerweile ganz zufrieden mit meiner Abgrenzungsfähigkeit. Bei kleineren Sachen kann ich schon ganz schön ruhig bleiben. Fühle ich mich jedoch in irgendeiner Weise bedroht oder überfordert, falle ich schnell mal wieder in die alten, bei "Phase 1" und "Phase 2" beschriebenen Verhaltensmuster zurück - allerdings mit einem grossen Unterschied: die Gemütswellen gehen weniger hoch, und sie manifestieren sich heute viel weniger in meinem Leben, meinen Entscheidungen und meinen Beziehungen. Das heisst, ich komme schneller wieder zurück zu meiner Flexibilität, Kreativität und Entscheidungsfähigkeit.

Konkret sieht das zum Beispiel so aus: Jemand hat einen grossen Wunsch an mich. Ich spüre dabei intuitiv noch andere Gefühlsebenen und Wünsche oder projiziere meine eigenen Erfahrungen mit hinein... Z.B. meine ich vom andern noch zu vernehmen "ich wäre sehr enttäuscht, wenn es nicht klappen würde..." Spontan bin ich nicht begeistert, und bevor ich auf drei zählen kann, beginne ich zu 'rotieren' und merke, wie die alte Tendenz spürbar wird, in einer Art momentaner Überforderung einfach alles abzublocken und in Panik zu geraten. Dieses "Drama" kann ich meistens noch nicht auf Befehl abschalten, - es kann sich immer noch wie ein Wirbelsturm in mir aufbauen.
Aber ich kann mich jetzt mit meinem Wissen und meiner Vernunft einschalten und mir selber helfen: "Achtung, jetzt nicht agieren! - JETZT BRAUCHE ICH ZEIT!" Und damit gebe ich mir die Chance, diese "Welle" abebben zu lassen - bis zu einem Gefühl der Erleichterung: Aha! Ich "muss" ja gar nicht! Niemand kann mich zwingen, ich darf "nein" sagen... Oder "ja", - wenn ich wirklich möchte, was ich oft im anfänglichen "Wirbelsturm" gar nicht spüren kann...
Erst in dieser Phase der Erleichterung spüre ich dann, was ich wirklich will. Meine Differenzierungsfähigkeit kommt wieder zurück, und ich merke, dass es ja auch kreative Lösungen gibt. Einen Teil des Wunsches erfülle ich vielleicht gerne, und nur ein Punkt hat mich gestresst oder gelähmt. Dann kann ich zum Beispiel sagen: "Du, die Idee finde ich super, - aber bei diesem Punkt kann ich nicht mitmachen..."

Eine wichtige Erkenntnis in diesem Lernprozess war: Die Unfähigkeit, mich abzugrenzen, zielt generell eigentlich gar nicht auf den Mitmenschen, der etwas von mir will, sondern auf meine eigenen, uralten Reaktionsweisen. Diese sind es, die mich stressen, nicht der Mensch, der etwas von mir möchte.

Ob es in Zukunft im weiteren Lernprozess, der ja nie zu Ende ist, noch einfacher wird? Ich weiss es nicht. Aber ich bin zufrieden mit dem Niveau, das ich inzwischen erreicht habe. Wenn ich zum Beispiel mit sechzig zu joggen beginne, kann ich auch nicht erwarten, dass ich es irgendwann noch auf das gleiche Niveau bringe wie ein, seit Jugendzeiten geübter junger Langstreckenläufer. Aber ich kann trotzdem lernen zu joggen.

FAZIT/TIPPS

  • Wenn wir Mühe mit 'äusserer' Abgrenzung haben und dies ändern möchten, fallen wir oft zuerst ins andere Extrem unseres bisherigen Verhaltensmusters. Das gehört zu einem Lernprozess, wir müssen uns darüber nicht ärgern. Für praktische Anregungen zum "Abgrenzungstraining" siehe auch die "Praktischen Tipps".
  • Oft steht hinter mangelnder Abgrenzung Angst vor Liebesverlust. Machen wir uns klar, was wir tatsächlich verlieren können und ob es sich lohnt, dafür auf Eigenständigkeit zu verzichten. Machen wir uns auch klar, was wir gewinnen können, wenn wir diese Verlustangst überwinden.
  • HSP, die in Abgrenzungs-Situationen in innere Not (Panik, Lähmung, Abwehr...) geraten, sollten alles daran setzen, sich auf irgendeine Weise Zeit zu verschaffen. Ein psychisch 'gelähmter' Mensch ist nicht in der Lage, für sich einzustehen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Also: nicht übereilen und agieren, sondern abwarten, Zeit verstreichen lassen, bis die "Welle" sich wieder legt.
  • Natürlich gelingt es nicht immer, Fehlentscheidungen aus "Abgrenzungsnot" zu vermeiden. Es ist durchaus erlaubt - auch wenn einem das dann sehr unangenehm und peinlich sein kann, dass man in solchen Fällen zu sich steht und einen Rückzieher macht. Es fällt uns kein "Zacken aus der Krone", wenn wir uns korrigieren und jemandem z.B. ehrlich sagen: Das ging mir jetzt alles zu schnell. Ich habe es mir nochmals richtig überlegt...
  • Eine wichtige Erkenntnis ist, dass es meistens weniger um das Objekt unserer Abgrenzung geht (also z.B. um den Menschen, von welchem wir uns abgrenzen wollen), sondern viel mehr um unsere eigenen eingeprägten Verhaltensweisen: Ich selber bin mein Drama, in mir selber entstehen diese Stürme und Ängste und diese Mühe, nein zu sagen. Dies ist oft eine schwierige Erkenntnis, denn wir würden gerne den anderen verantwortlich machen, ihn vielleicht doof finden, damit uns das "nein" einfacher fällt. Aber seien wir ehrlich: es geht dabei um uns selber.
  • Lernprozesse brauchen Geduld: Häufig können wir alte Ängste, Impulse und Verhaltensmuster nicht völlig aus unserem System löschen, - unsere alten Reaktionsweisen klingen oft noch lange in uns nach. Aber wir können lernen, mit ihnen besser umzugehen und ihnen nicht mehr so ausgeliefert zu sein. Erlauben wir uns kleine Schritte, die dafür dann "sitzen". Schauen wir öfters zurück und und freuen wir uns über Fortschritte, die wir gemacht haben. Erwarten wir ausserdem keine perfekten Ziele wie z.B. "Wenn ich es dann definitiv geschafft habe, dann läuft alles rund."
  • Nicht vergessen: In der mangelnden Abgrenzungsfähigkeit vieler hochsensibler Menschen liegt auch das Potenzial einer grossen Einfühlungskraft.
  • Zusammengefasst kann gesagt werden: 'Äussere Abgrenzung' braucht unsere Bereitschaft, mit Ausdauer und Geduld ein "persönliches Abgrenzungstraining" zu beginnen - ohne uns einem hohen Leistungsideal auszusetzen. Abgrenzung hat nichts mit Leistungsstress zu tun, sondern mit persönlicher Wertschätzung, Erkenntnis und Akzeptanz des eigenen Wesens. Es geht um uns als ganzen Menschen, darum sollte dieses "liebevolle Training" auch auf allen Ebenen des Seins stattfinden:

'Innere' Abgrenzung

folgt in Kürze!

Fallbeispiele

(wird noch fortgesetzt)

"Ich war lange immer das "liebe Kind", dass es allen Recht machen wollte. "Ja" sagen war höflich, "nein" sagen unhöflich. Ich hatte eine "Beisshemmung" und wurde deshalb von anderen Kindern gerne geplagt. Gottseidank regte mich später eine Freundin dazu an, einen "Model Mugging" Kurs zu besuchen. Das ist kein üblicher Selbstverteidigungskurs, in welchem man mit Kurspartnern arbeitet, die man ja wegen Verletzungsgefahr nicht wirklich als Angreifer behandeln darf: die "Schlaghemmung" bleibt da ja trotzdem bestehen. In dieser Selbstverteidigungsform muss man aber wahrhaftig echt kämpfen - gegen einen Angreifer, "Mugger" genannt, der so gut geschützt und gepolstert ist, dass er keine Schmerzen spürt – und man die eigene Schlaghemmung überwinden muss, um ihn mit einfachen Techniken zu besiegen. Ich glaubte zuerst, die Welt gehe unter, als ich mich wirklich wehren musste. Es war mir, als würde sich eine rostige alte Türe bewegen und als würde ich mich endlich aus etwas befreien, das mich jahrelang festgehalten hatte. Jetzt gehe ich anders durch die Welt und getraue mich auch wieder alleine in den Wald, was vorher nicht mehr möglich gewesen ist. Ich bin nicht unangreifbar geworden, aber meine Überzeugung, dass ich ein Opfer sei und mich nicht wehren könne, hat sich definitiv aufgelöst und dem Vertrauen Platz gemacht, dass ich für mich einstehen kann".

(Info über Model Mugging in der Schweiz bei 'Impact Selbstsicherheit': www.selbstsicherheit.ch)

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Wenn Grenzen schmelzen, können wir "eins" werden mit uns und der Welt...



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