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Hochsensible Babys und Kleinkinder

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Dieses Kapitel beruht auf einem Vortrag der Website-Autorin M. Schauwecker - "Ist ihr Kind hochsensibel?" - und ist das zweite Kapitel in einer Serie von fünf Kapiteln.

Nebst eigenem Wissen und Erfahrungen sind in dieses Kapitel auch Tipps aus dem Standardwerk der HS-Pionierin Elaine N. Aron integriert: "Das hochsensible Kind", mvgVerlag.

Inhalt:

Am Anfang eines Menschenlebens...

...ist jedes Kind extrem auf Schutz und Geborgenheit angewiesen.
Nach Adolf Portmann ist der Mensch eine "physiologische Frühgeburt" und ein "sekundärer Nesthocker" (siehe Wikipedia): Der Mensch "...muss von Geburt an, wie sonst kein Lebewesen, alles lernen. Dabei ist er in höchstem Maße auf die wohlwollende und adäquate Unterstützung seiner Artgenossen, insbesondere seiner Mutter, angewiesen..."

Ob sich eine hochsensible Veranlagung schon im frühen Säuglingsalter nachweisen lässt, ist nicht klar erwiesen: eine eindeutige Erkennungsmethode gibt es - nach Aron - noch nicht. Viele Kinder - ob hochsensibel oder nicht - brauchen zu Beginn des Lebens viel Zeit, um sich auf das Leben "draussen" um- und einzustellen, darum muss z.B. auch häufiges Schreien kein Zeichen für Hochsensibilität sein. Hingegen hat Aron festgestellt, dass eventuell erhöhte Aufmerksamkeit des Kindes - schon früh im Leben - ein Anzeichen für Hochsensibilität sein könnte.

Zuwendung

Für jedes Kind ist Zuwendung dringend notwendig zum Leben und Gedeihen - und als erste Erfahrung von Vertrauen am Anfang des Lebens. Sich verlassen können, dass Menschen da sind, denen das Wohlergenen des Kindes am Herzen liegt, die es kennen lernen, verstehen und unterstützen möchten.

Schutz vor Überreizung

Keine Überbehütung und Verwöhnung

Alle diese Anregungen sollen nicht zu Überbehütung führen... Sondern vielmehr anregen dazu, einen neuen kleinen Menschen herzlich auf dieser Welt willkommen zu heissen und bereit zu sein, ihm auf dem Weg in dieses Leben Liebe, Zuwendung, Kontakt, Geborgenheit und Halt zu geben.

Je älter das Baby wird, desto mehr soll auch seine Selbständigkeit unterstützt werden - und desto mehr wird es auf dem Weg vom Baby zum Vorschulkind auch fähig, Frustrationstoleranz zu entwickeln und sich z.B. auch alleine zu beschäftigen.

'Problembabys'

Bisher war viel davon die Rede, eine gute Vertrauensbasis zu schaffen und zum Kind eine tragende Beziehung zu entwickeln. Im Idealfall entsteht dann ein sogenannter "Engelskreis" (das Gegenstück zum bekannteren Wort "Teufelskreis"): Eltern, die ihr Kind beruhigen können und ihm sichtbar Geborgenheit und eine positive Grundstimmung vermitteln können, werden ihrerseits ruhiger, zufriedener und selbstsicherer. Die positiven Reaktionen ihres Kindes bestärken sie in der Überzeugung, gute Eltern zu sein, was die positive Beziehung zum Kind wiederum verstärkt.

Manchmal wird dieser wichtige Prozess zu Beginn des Lebens jedoch stark gestört, wenn ein Kind durch irgendwelche Umstände Probleme hat und z.B. in den ersten Lebensmonaten ständig schreit. Durch solche oder andere Probleme können die Eltern zunächst einmal kein Vertrauen in ihr Elternsein entwickeln: sie fühlen sich - meistens völlig zu Unrecht! - als Versager, die der Pflege des Kindes nicht gewachsen sind. Und diese tiefe Verunsicherung erschwert wiederum den Zugang zum Kind.
Ein Fallbeispiel (siehe ganz unten unter 'Neurodermitis') zeigt drastisch, wie schwierig sich der Alltag mit einem leidenden Kind gestalten kann.

Zum Beispiel 'Schreikind'

Wie eingangs erwähnt, müssen 'Schreibabys' nicht gleichzeitig hochsensibel sein. Auch die frühere Annahme, dass solche Kinder Darmprobleme haben ("Dreimonatskolik"), konnte nie wirklich bewiesen werden, und man zählt heute zu den möglichen Gründen offenbar auch Reizüberflutung, Stress, Konflikte, Ängste und Depressionen in einer Familie etc. Das Stichwort "Reizüberflutung" erinnert wiederum an das Thema Hochsensibilität, deshalb hier ein Hinweis auf den ausführlichen Wikipedia-Artikel: "Exzessives Schreien im Säuglingsalter".
Zudem hier der Link zu einem Artikel über die neusten Forschungen: Zürcher Tages-Anzeiger, 9.2.2013: "Schreikrämpfe von Neugeborenen".

Hilfe beanspruchen

Leider gibt es keinen generellen "Parade-Vorschlag", wie in Problemfällen Hilfe zu beschaffen ist. Jeder Fall, jede Situation - ebenso die Umstände etc. sind einmalig. Häufig ist es jedoch so, dass - gerade wenn Hilfe nötig wäre - betroffene Eltern sich schämen, weil sie es "alleine nicht schaffen" - und daher ihr Problem geheim halten.

Es sei eindringlich darauf hingewiesen, dass der Umgang mit einem 'Problemkind' keine Strafe, sondern eine besondere Aufgabe ist. Sie hat mit gemeinsamem Lernen zu tun, nicht mit Versagen. Und mit geeigneter Unterstützung findet sich mit der Zeit fast immer ein Weg.

Darum steht die Bereitschaft, Hilfe anzunehmen, bei Problemfällen an erster Stelle. Überwinden Sie den falschen Stolz oder die Scham, sich dabei etwas zu vergeben: oft können erst eine unbelastete Drittperson oder notwendige fachliche Unterstützung zu einer Wende in einer negativ eingespielten Situation verhelfen. Und das hat meistens überhaupt nichts zu tun mit Schuld oder Unfähigkeit!


Hier ein paar Tipps zum Thema Hilfe:

Vom Säugling zum Kleinkind

Als Säugling war das Kind zunächst noch wie ein Teil der Mutter. Jetzt wächst es langsam zum mobilen Kleinkind heran, entdeckt mit der Zeit seinen eigenen Willen, sein Ich, später dann auch seinen Trotz. Die erste Ablösung von den Hauptbezugspersonen weckt die Freude an eigenständigen Handlungsmöglichkeiten, kann aber auch Emotionen und Zwiespälte im Kind wecken. Die folgende Aussage eines Kindes (früher einmal in einem Artikel über Ablösung gelesen) zeigt diesen Konflikt gut: "Du liebs, böses Mami, chumm gah furt!" (Du liebe, böse Mami, komm geh fort.)

Besonders wichtig in dieser Phase ist daher die Unterstützung der Selbständigkeit des Kindes: dass es sich in seinem eigenen Rhythmus entfalten kann - ohne Überforderung und ohne ängstliche Einengung seitens der Bezugspersonen. Wichtig auch: dass es nicht gedemütigt wird, wenn es seine Grenzen einmal überschätzt hat. (Also nicht: "Siehst du, ich hab dir ja gesagt, dass du umfällst, wenn Mama dich nicht hält...", sondern: "Hoppla, komm wir versuchen es nochmals, jetzt klappt's vielleicht..."

Dabei immer wieder im Auge behalten, dass wir als Bezugspersonen auch Fehler machen dürfen, da wir keine perfekten Erziehungsmaschinen sind, sondern lebendige Menschen mit Stärken und Schwächen. Wenn wir reflexionsfähig sind und uns nicht für unfehlbar halten, sondern eigene Fehler auch einsehen und korrigieren können, sind gelegentliche Erziehungsfehler entschuldbar und völlig normal.

Ist mein Kleinkind wohl hochsensibel?

Je älter das Kind wird, desto besser lernen wir als Bezugspersonen nun auch sein Wesen kennen - und können langsam an seinen Verhaltensweisen, Eigenheiten und Reaktionen merken, ob es eventuell hochsensibel sei.

Bitte klicken Sie für die grundlegende Beschreibung des hochsensiblen Kindes das erste Kapitel an: 'Hochsensible Kinder - Einführung ins Thema'

Wichtig ist jedoch, ein Kind nicht dauernd - quasi mit dem Lehrbuch in der Hand - zu beobachten und früh schon festzulegen: "aha, es ist bestimmt hochsensibel!" "Es ist genau wie ich!" "Es gleicht seinem Vater, wahrscheinlich hat es auch denselben Charkater..." etc.
Die Ausstrahlung solcher Gedanken sind auch für ein kleines Kind gut spürbar: Festgelegt werden kann sich negativ und prägend auf einen Menschen auswirken, sogar wenn es positive Vorstellungen über das Kind sind, die jedoch nicht der Wahrheit entsprechen.

Eine junge Mutter hat mir einmal folgendes geschrieben:

"...ich habe immer nur unter meiner Hochsensibilität gelitten und weiss nicht weiter. Ich sehe auch an meiner dreijährigen Tochter, mit der ich wegen vielen Schwierigkeiten schon oft beim Arzt war, dass sie genau wie ich ist. Ich war als Baby auch langsam und ängstlich. Und ich wollte lange nicht richtig sprechen und spielte nicht mit andern Kindern. Ach die Arme, ich habe so Mitleid mit ihr, die wird es im Leben auch einmal so schwer haben wie ich..."

Diese, aus Schutzgründen leicht abgeänderten Zeilen können für ein Kind eine verheerende Wirkung haben, falls sie der permanenten Grundhaltung einer Bezugsperson entsprechen. Kinder spüren schon sehr früh, ob man sie liebevoll akzeptiert - oder ob man sie gerne "anders" hätte und ihnen nicht viel zutraut.
Die Mutter im obigen Beispiel vertraut überhaupt nicht auf die ganz individuelle Lebenskraft und die Entwicklungsfähigkeit ihrer Tochter. Sie vergleicht sie eins zu eins mit ihrem eigenen Elend und gibt ihr somit eigentlich keine Chance.

Es gibt - vor allem für ein hochsensibles, verletzliches Kind - beim Einstellen der Grundweichen im Kleinkindalter nichts Wichtigeres und Stärkenderes als ein grundsätzliches und bedingungsloses Akzeptieren seines Wesens durch die ersten Bezugspersonen, ob es sich nun besonders schnell und gut entwickelt, oder eher langsam und zurückhaltend.
Ein solches Grundvertrauen hat nichts mit Verwöhnen, Kritiklosigkeit, Über- oder Unterschätzen, ständigem Vergleichen etc. zu tun, sondern mit einer schlichten Akzeptanz des Kindes in seinem "So-Sein". Und mit der Bereitschaft, es in seinen Stärken und Schwächen konstruktiv zu unterstützen und zu begleiten.

Eine warme, akzeptierende Präsenz ist DIE Starthilfe ins Leben und äussert sich vor allem auch nonverbal. Deshalb muss sie echt sein und kann nicht vorgetäuscht werden.
Arbeiten Sie an sich - und nicht am Kind, wenn Ihnen diese Grundakzeptanz fehlt und Sie sich wünschen, Ihr Kind wäre "anders" als es ist.
Es geht eigentlich um Achtung und Respekt vor dem Wesen eines jungen Menschen, welcher uns letztlich nicht gehört, sondern uns vom Schicksal anvertraut worden ist.

Schritt für Schritt...

"Ich kann selber gehen! Aber für diesen RIESENschritt brauche ich noch eine unterstützende Hand..." (Foto D. Alb, ebenso das nächst-obere Bild)

Umgang mit Überreizung: auch beim Kleinkind zentral!

Beim Kleinkind sind nun auch emotionale Situationen immer häufiger, - viele Eltern können davon ein Liedlein singen - z.B. von Trotz-Szenen im Supermarkt oder vom Gute-Nacht-Geschrei, wenn das gemeinsame Blättern im Bilderbuch zu Ende geht...

Wenn solche Zeiten in diesem Alter auch normal sind, zur Entwicklung gehören und sich nicht einfach total vermeiden lassen, hier nun einige
Tipps für den Umgang mit Überreizungszuständen bei hochsensiblen Kleinkindern:

Erst wenn Ihr Kind Grenzen respektiert, wird es auch fähig, altersgemässe Freiräume als solche zu erfahren. Ansonsten bleibt "Freiheit" ein ständiger Kampf um Grenzen. Bei Grenzen gilt ausserdem: So viele wie nötig - und so wenige wie möglich.

Veränderungen, erste soziale Kontakte

Hinweis: Das dritte Kapitel "Tipps (und Literatur) für den Alltag mit einem hochsensiblen Kind" ist auch für Eltern mit Kleinkindern interessant und bietet - was die Altersstufe anbelangt - die Fortsetzung von diesem Kapitel. Es geht darin um grössere Kindergartenkinder und um Schulkinder bis ca. 12 Jahre.

Fallbeispiele Babys und Kleinkinder

Siehe auch die Fallbeispiele in den anderen Kinder-Kapiteln!

Der neugeborene M. schaut schon ganz wach mit seinen grossen dunklen Augen umher, obwohl er erst vor zwei Tagen auf die Welt gekommen ist. Da niest ein anderer Besucher im Raum: die Augen des Kindes erstarren, werden noch grösser und drücken tiefste Panik aus, wie ich es noch nie in einem so jungen Gesicht gesehen habe. Sein entsetztes Schreien ist kaum zu stillen. Auch später als Kleinkind reagiert M. immer noch überempfindlich und angstvoll auf Geräusche aller Art, - hält sich zum Beispiel die Ohren zu und verlässt mit ängstlichen Augen den Raum, wenn staubgesaugt wird. Erst später gewöhnt sich sein sensibles Gehör sukzessive an unseren menschlichen Lärmpegel.
Um ein hochsensibles Kind besser zu verstehen, kann man sich z.B. schlicht vor Augen führen, welche Erschwerung es nur schon bedeutet, wenn man von Geburt an sogenannte "normale Geräusche" als panikerregend erfährt.

Mein Sohn (jetzt 19 Monate alt) hat noch 2 ältere Geschwister und war seit Geburt ein Schreibaby. Das dauerte etwa 6 Monate. Ein Osteopath hat ihn dann mehrmals behandelt, weil seine Schädeldecken offenbar aneinander drückten. R. gerät sehr schnell in Wut und ist deshalb vor lauter Schreien auch schon in Ohnmacht gefallen (offenbar ein Anfallskind). Er ist sehr empfindlich, sieht und hört ausserordentlich gut, möchte immerwegs in meiner Nähe sein oder getragen werden. Er schläft oft unruhig und nicht sehr lang. Er lief erst mit 16 Monaten und sprechen kann er noch überhaupt nicht. Ausser das eine Wort 'Mama', aber dann geniert er sich, es zu sagen. Kürzlich habe ich zu meiner Mutter gesagt, dass ich das Gefühl hätte, dass R. übersensibel sei. Als ich dann eine ruhige Stunde hatte, habe ich im Internet ein bisschen gesucht und bin auf Ihre Homepage gestossen...

Als unser hochsensibler Sohn geboren wurde, kauften wir uns kein Kinderbettchen, da wir wenig Geld hatten. So schlief das Baby zuerst bei uns und später in einem anderen Zimmer auf einer eigenen Matratze am Boden. Er war in seiner Entwicklung sehr schnell und konnte früh schon kriechen. So waren wir in einer Nacht sehr erstaunt, als unser Baby von seiner Matratze herunter in unser Zimmer gekrochen kam - zu uns ins Bett! Obwohl er wegen seiner hohen Sensibilität später oft auch Schwierigkeiten überwinden musste, ist er jetzt (im Schulalter) ein sehr eigenständiges, offenes und auch mutiges Kind, das sich nicht von andern beschwatzen lässt. Ich denke mir manchmal, das sei vielleicht auch, weil er als Baby zufälligerweise extrem früh die Erfahrung gemacht hatte, nicht hilflos warten zu müssen, sondern selber die Initiative ergreifen zu können:-).

MÜHE IN KINDERGRUPPEN: Hallo, ich habe eine vierjährige Tochter und ich denke, dass sie hochsensibel ist. Sie ist bereits am zweiten Tag nach der Geburt von vorbeifliegenden Flugzeugen, die wir kaum gehört haben, geweckt worden. Mit 1,5 Jahren kam sie in die Kita. Dort gabe es bei einer Kinderanzahl über 8-10 Kinder Probleme. Sie hat sich in sich zurück gezogen. Von dreijährig bis vor einigen Wochen war sie im Regelkindergarten. Dort hat sie sich so weit in sich zurück gezogen, dass die Erzieherinnen gesagt haben, dass sie das sehr bedenklich finden. Wenn wenige Kinder da waren, war alles gut und wenn viele da waren kam sie nicht zurecht. Nun waren wir bei der Schuluntersuchung und mir wurde bewusst, dass die Situation in der Schule bestimmt auch wieder auftreten wird. Nun weiß ich nicht, wie ich damit umgehen soll und an wen ich mich wenden kann...

ZU FRÜH IN DER SPIELGRUPPE: Als mein hochsensibler Sohn dreijährig war, kam er zum ersten Mal in Kontakt mit einer etwa 10-köpfigen Kleinkindergruppe. Er war total überwältigt und weinte am Abend im Halbschlaf: "ich will nicht in die Spielgruppe gehen". Am nächsten Tag fragte ich ihn nochmals, und er meinte, dass er doch wieder hingehen möchte. Heute denke ich: er hat das unbewusst mir zuliebe gesagt, weil er vielleicht spürte, dass mir viel daran lag. Ich wusste noch nichts von Hochsensibilität und kann jetzt im Rückblick sagen: Wenn ich meinen Sohn wieder aus der Spielgruppe genommen hätte und ihn sorgfältiger auf grössere Kindergruppen vorbereitet hätte, wäre ihm und uns vieles erspart geblieben. Er hätte einfach mehr Zeit gebraucht, denn er war wie schockiert angesichts der anderen Kinder. So konnte er sich überhaupt nicht in die Gruppe integrieren und Kontakte schliessen und spielte immer nur für sich alleine. Später im Kindergarten ging es weiter so und wurde immer schlimmer. Er hörte überhaupt auf, zu sprechen und redete nur noch zuhause. Dies ging in der Schule weiter, er redete nicht mehr, das nennt man selektiven Mutismus. "Selektiv", weil er zuhause völlig normal sprach. Die Lehrerin erkannte nur an den schriftlichen Arbeiten, dass er sehr intelligent war. Gottseidank hat sich das später im Gymnasium dann gebessert. Er sprach immer noch nicht gerne im öffentlichen Raum, jedoch war er nicht mehr mutistisch und fand auch gute Freunde.

KINDERGARTEN-EINTRITT: Die dreijährige D. ist zuhause sehr mitteilsam und voller Ideen und Phantasie. Sie liest und schreibt bereits und entwickelt schon früh ausgeprägte Hobbies, in welche sie sich voller Konzentration vertieft. Der Eintritt in den Kindergarten bedeutet eine grosse Zäsur: D. ist völlig überwältigt - und in der Folge überfordert von der grossen, wilden Kindergruppe. Sie macht nur ungern bei Spielen mit, redet kaum - und zieht sich mit der Zeit immer mehr zurück. "Sie zeichnet nur noch!" meldet die Kindergärtnerin den Eltern. Diese warten eine Weile lang und fassen dann den Entschluss, D. aus dieser Gruppe herauszunehmen und das Kind in einen Privatkindergarten mit viel kleineren Gruppen zu schicken, wofür sie finanzielle Opfer bringen müssen. Ausserdem fördern sie private Kontakte, und D. schliesst bald Freundschaft mit einem andern hochsensiblen Mädchen. Sie blüht förmlich auf.

KONTAKTSCHWIERIGKEITEN: Ich habe Zwillinge, zweieiige und sehr unterschiedliche Mädchen. J. ist eindeutig hochsensibel: ein gutmütiges, aber zurückhaltendes, introvertiertes Kind. Ich kann mich noch gut an den ersten Tag erinnern, als ich mit meinen beiden knapp Eineinhalbjährigen zum ersten Mal zum grossen Sandhaufen eines Spielplatzes ging. S. integrierte sich mühelos in die grosse Kindergruppe, die hochsensible J. blieb zuerst am Rand stehen und beobachtete zuerst einfach mal staundend die grosse Gruppe, bevor sie für sich alleine (und immer in meiner Nähe) zu spielen begann. Als ein fremdes Mädchen auf sie zukam, lächelte J. fasziniert, dieses Mädchen riss ihr jedoch grob die Sandschaufel aus der Hand. Kurz darauf wurde meine Tochter dann noch von einem fremden Jungen umgestossen. Nie werde ich den entsetzten, erstarrten Ausdruck in ihrem Gesicht vergessen. "Das Licht ging aus" - so kam es mir vor. Es tat richtig weh zu sehen, wie sie das Erlebte nicht fassen konnte. Dieser erste Kontakt mit fremden Kindern scheint sie sehr geprägt zu haben. Sie blieb von da an extrem zurückhaltend (hat jetzt aber gottseidank eine gute Freundin), währenddem ihre Schwester immer schnell Kontakte knüpfte.

KONTAKTSCHWIERIGKEITEN: Unser stark hochsensibler Sohn war beim Eintritt in den Kindergarten ein extremer Einzelgänger. Er war einfach unglaublich beschäftigt damit, alles zu beobachten. Er stand immer nur ernst da und schaute mit grossen Augen auf alles, was geschah. Sein Wortschatz war schon im Kleinkindalter sehr gross und differenziert, und irgendwie war er einfach anders als die anderen Kinder. Daher wurde er oft gemobbt und ausgeschlossen und wirkte manchmal wie depressiv. Wohl auch, weil er sehr verletzlich und schnell erregbar war und bald einmal weinte. Gleichzeitig spürten wir aber seinen Willen und seinen Mut, mit allem zurecht zu kommen. Er hat sich durchgewurstelt und liess sich trotzdem nicht unterkriegen. Heute ist er sehr integriert und beliebt und hat es geschafft, keine Kontaktschwierigkeiten mehr zu haben.

RÜCKZUGS-ORT: ...ich richtete unserer hochsensiblen kleinen Tochter unter unserem Esstisch ein "Häuschen" ein. Dazu kaufte ich vier grosse Kartonplatten, welche ich zurecht schnitt und auf jeder Seite des Tisches an den vier Tischbeinen fest band. Auf einer Seite schnitt ich eine "Haustüre" in den Karton, ausserdem gab es noch ein paar "Fenster" (mit Vorhängen!). Das Ganze bemalte ich noch, damit es wirklich wie ein Häuschen aussah. Unsere Tochter hat diesen Rückzugsort heiss geliebt, es hatte Kissen drin zum Ausruhen, aber sie schleppte auch viele Lieblingsspielsachen in ihr Reich. Klar hatten wir ein paar Jahre lang nicht so viel Platz unter dem Tisch für unsere Beine, - aber für diesen wunderbaren Spiel- und Rückzugsort hat sich das hundertmal gelohnt.

GRENZEN SETZEN: Unser 18-monatiger hochsensibler Sohn verbringt normalerweise jeden ganzen Morgen in seinem Zimmer. Die Türe steht zwar offen, jedoch ist sie durch ein Türgitter versperrt. Das tönt vielleicht in der heutigen Zeit etwas unmodern, dass man ein Kleinkind jeden Morgen in einen Raum, 3x3 Meter, "einsperrt": aber ich kann dieses Vorgehen nur weiter empfehlen: N. wusste ganz von Anfang an, dass das einfach so ist, er hat nie geschrien oder dagegen rebelliert. Er hat für ein Kleinkind viel Raum und darf in seinem kindersicheren Zimmer tun und lassen, was er will, ohne Einschränkung: Schubladen ausräumen und alles hervorholen und spielen, was auch immer. Die Dreizimmerwohnung ist nicht gross, ich bin immer in der Nähe, ich spreche mit ihm, singe, steige auch mal zu ihm hinein und bin in Kontakt mit ihm. Daneben habe ich aber in aller Ruhe Zeit, meine Arbeiten zu erledigen, ohne ihm immer nachrennen zu müssen und zu schauen, dass er nichts Gefährliches treibt, er ist nämlich ein kleiner Forscher:-). Am Mittag gehen wir dann zusammen aus oder einkaufen etc. Dieser Ablauf ist eine Struktur, in welcher sich N. sehr wohl fühlt. Er ist ein richtiges Spielkind geworden, das sich total gut mit sich selber beschäftigen kann. Sein Raum ist nicht so klein wie ein Laufstall und doch für ihn gut überschaubar und nicht zu gross. An seinem zufriedenen Verhalten kann ich sehen, dass dies zumindest für N. und mich eine sehr entspannte und gute Lösung ist. Ich bin auch hochsensibel und somit viel weniger gestresst, was N. auch zugute kommt. Sein erster Freund, ein gleichaltriger Nachbarsbub, kommt übrigens gerne und freiwillig in N.s Zimmer zum Spielen und stört sich auch nicht am Türgitter.

GRENZEN SETZEN: Ein Erlebnis im Zug bestärkte mich darin, wie wichtig es für jedes Kleinkind ist, dass ihm auch Grenzen gesetzt werden: ich sass in der Nähe einer Mutter mit ihrem etwa eineinhalb-jährigen Sohn und konnte beobachten, wie sehr schon ein kleiner Knirps eine Erwachsene beherrschen und drangsalieren kann! Das Kind liess die Mutter buchstäblich nicht aufs WC gehen, obwohl sie ihn mitnehmen und nicht etwa alleine zurück lassen wollte. Aber er "erlaubte" ihr das nicht und äusserte immer, wenn sie ihn auf's Klo mitnehmen wollte, den ausdrücklichen Wunsch, trinken zu wollen. Dabei begann er lautstark zu brüllen und auf sie einzuschlagen und verlangte nach seiner Teeflasche, und sie gab x-mal nach. Es schien mir, dass er nur trank, um die Mutter zu beherrschen. Sie gehorchte diesem Terror und wirkte unglücklich und hilflos, wie das Kind übrigens auch trotz seinem Verhalten. Als sie dann offenbar die Toilette einfach aufsuchen MUSSTE und ihn aufhob und mitnahm, brüllte er nachher noch Ewigkeiten weiter und zeigte der Mutter offen und nachträgerisch seine Ablehnung. Daraus habe ich gelernt, wie man es JA NICHT machen darf!!

GRENZEN SETZEN DURCH ABMACHUNGEN: Ich machte die Erfahrung, dass man schon mit ganz kleinen Kindern gut Abmachungen treffen kann und hatte trotz heftiger Trotzphasen meiner Kinder nie die bekannten Schwierigkeiten (Schreianfälle) im Supermarkt. Ausnahmslos und hundertprozentig setzte ich meine Supermarkt-Vorschrift durch, die den Kindern auch ein bisschen entgegenkam, weil es ja schwierig ist für ein Kleines, so viele Esswaren zu sehen, ohne kosten zu dürfen. Ich erinnerte die Kids auch vor jedem Einkauf an diese Abmachung: Es gab immer zu Beginn ein kleines Brötchen - und sonst gar nichts. Das war so eingespielt, dass meine Kinder nie dagegen rebellierten, obwohl sie sehr willensstark sind.

ÜBERREAKTIONEN BEI HOCHSENSIBLEN KINDERN: Der etwa zweijährige L. ist hingefallen und hat eine kleine Verletzung am Finger, es blutet kaum. Doch L. gerät in ein namenloses Entsetzen und in grosse Panik, immer wenn er sein eigenes Blut sieht: "ich fliesse ganz aus", - von dieser Vorstellung ist er nicht wegzubringen, und es dauert immer sehr lange, ihn zu trösten. Die Anpassung an diese Welt ist eine grosse Anforderung für ihn: er ist oft unter Spannung, unruhig, nervös, verweigert den Schlaf: Man hat den Eindruck, er sei extrem beschäftigt damit, zu beobachten. L. wird gut unterstützt durch seine Eltern, und es ist in der Folge bald zu spüren, dass er diese Welt begreifen WILL. Dass er bereit ist, zu lernen und dass er stark werden will.
Ein paar Jahre später schneidet sich L.'s kleine Schwester beim Brotschneiden beinahe eine Fingerkuppe ab, - es blutet extrem: L. hilft der Schwester trotz seiner Angst vor Verletzungen mit grosser Selbstüberwindung: er holt Tücher, verbindet den Finger, wischt das Blut weg. Heute hat er seine Angst vor Blut überwunden.

REAKTION AUF BELASTUNG: "Unser Enkel (14 Monate) hat folgendes Problem: In der Belastungssituation reagiert er normal, bricht aber danach zusammen (oft tagelang krank). Wie können wir ihm helfen?"
ANTWORT: Ihr Enkel scheint in seinem jungen Alter bereits empathisch auf seine Umwelt zu reagieren, indem er in Belastungssituationen ein "vernünftiges" Verhalten zeigt, das offenbar nicht seiner tatsächlichen Befindlichkeit entspricht, was der darauffolgende Kollaps in die Krankheit zeigt. "Normal" wäre eigentlich, dass er sich IN der Belastungssituation lauthals wehrt und seine Überforderung ausdrückt (vielleicht könnte er diesbezüglich unterstützt werden?). Es kann sein, dass er - wie sehr viele hochsensible Kinder - extrem introvertiert ist. Solch introvertierte, empathische Kinder können schon früh aus kleinen Begebenheiten unmerklich lernen, dass es erwünschte Verhaltensweisen gibt (z.B. fröhlich sein, lachen, zufrieden sein) und dass andere Verhaltensweisen unerwünscht sind (z.B. weinen, brüllen, sich wehren, unzufrieden und gestresst sein...)
Sein Krankwerden kann insofern auch als eine Art des Ausdrucks von Stress gesehen werden. Immerhin kann sich der Druck der Überlastung/des Stresses auf diese Art auch "ausdrücken" und abbauen, - wenn es natürlich auch sehr wünschenswert wäre, wenn das Kind lernen würde, IM Augenblick klar zu zeigen wie es sich fühlt, anstatt dieses Gefühl zu unterdrücken und daran zu erkranken. Jede Art, "freien Ausdruck" zu gewähren und zu lernen, wäre in diesem Fall sehr wichtig.
Ohne das Kind jetzt von Fachperson zu Fachperson zu "schleppen" (was ja auch einer Belastungssituation gleichkommen würde), wäre zu empfehlen, sich vor Ort psychologisch und/oder medizinisch beraten zu lassen, vor allem, wenn die Erkrankungen des Kindes nach den Belastungssituationen schwer sein sollten. M.Schauwecker

NEURODERMITIS (Bericht aus dem Kapitel "HS-Leidensberichte"): Ich bin sehr verzweifelt. Unser Sohn hat sehr sehr starke Neurodermitis. Zur Zeit hat er wieder einen Schub, wo er keinen Quadratzentimeter gesunde Haut am Körper hat. Sein Körper ist übersät mit offenen, nässenden, blutenden Stellen. Diese Schübe hat er immer und immer wieder. Beim letzten Schub waren wir wieder einmal in der Kinderklinik.

Inzwischen haben wir alle Cremes durch, wir haben zuckerarm ernährt, haben Ei weggelassen etc,.... Das einzige, was hilft, ist Cortisoncreme beim Schub. Zwischen den Schüben pflegen wir ihn mit Mandelöl und Neribast. Und ohne, dass sich irgendetwas ändert, kommt früher oder später der nächste Schub. Kein neues Waschmittel, keine neuen Lebensmittel, keine neue Seife etc. Vor wenigen Wochen wurde er wieder auf Allergien getestet, es war alles unauffällig. Es kann einfach keine körperliche Ursache gefunden werden.

Unser Sohn (er war auch bis nach seinem 1. Geb ein Schreikind) ist sehr sensibel und sehr schmusebedürftig. Zudem ist er pingelig; d.h., es muss immer alles korrekt sein. Spielzeuge werden immer in eine bestimmte Ordnung aufgestellt, er räumt immer wieder zwischendurch auf und wenn ich z.B. für seinen Trinkbecher einen andersfarbigen Aufsatz nehme, schreit er und trinkt keinen Schluck und möchte "seinen" Aufsatz haben.
Einen festen Tagesablauf etc haben wir. Auch ein Abendritual. Verschiebt sich das auch nur um 30 Minuten, schreit er viel und schläft schlecht. Auch am nächsten Morgen schreit er dann bis zu 2 Stunden. Ab dann ist alles wieder scheinbar ok.
Er ist eher ein Beobachter. Auch wenn andere Kinder da sind, steht er meistens erst sehr lange und beobachtet intensiv, bevor er mitspielt.

Inzwischen habe ich den Gedanken, dass diese Schübe eine Reaktion auf eine (von uns nicht wahrzunehmende?) Veränderung seiner Umwelt sind. Der Gedanke kam mir, weil der Schub zeitgleich mit zwei Hiobsbotschaften kam, die mich etwas aus der Bahn geworfen haben.
Aber wie kann ich ihm dann helfen?
Ich möchte nicht wieder und wieder ins Krankenhaus, denn .... es ändert sich nichts.
Die Therapien, die sie dann vorschlagen, lassen sich im Alltag nicht umsetzten, zumindest nicht in meinem Alltag. Leider ist das so.
Er wird alle paar Stunden eingecremt, bekommt bei Kratzanfällen kühlende Verbände, bekommt abends Fenistil, hat Neurodermitisoveralls, alle 2 Tage wird mit wechselnden Badezusätzen gebadet.
Ich glaube wirklich, er reagiert nicht auf irgendwelche "Stoffe", sondern auf Veränderungen - aber ich habe Angst, meinen Arzt darauf anzusprechen, weil ich Sorge habe, dass er mich für völlig gaga hält,....

Vergessen wir nie, dass Kleinkinder noch
absolut auf uns angewiesen sind...