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Tipps für den Alltag mit einem hochsensiblen Kind

Für Eltern und Bezugspersonen von Kindergarten- und Primarschulkindern (Grundschule)

...wobei viele Tipps auch für jüngere oder ältere Kinder (ev. leicht angepasst) gebraucht werden können.


Dieses Kapitel beruht auf einem Vortrag der Website-Autorin M. Schauwecker - "Ist ihr Kind hochsensibel?" (ab 2011) - und ist das dritte Kapitel in einer Serie von fünf Kapiteln.

Nebst eigenem Wissen und Erfahrungen sind in dieses Kapitel auch Tipps aus dem Standardwerk der HS-Pionierin Elaine N. Aron integriert: "Das hochsensible Kind", mvgVerlag.

Inhalt:

Einführende Hinweise zu den Tipps

Es macht Sinn, zuerst das Einleitungs-Kapitel "Das hochensible Kind" zu lesen, um ein grundsätzliches Verständnis für das Wesen eines speziell empfindsamen Kindes zu entwickeln. "Tipps" können nur fruchten, wenn dieses Verständnis fundiert ist und man sich mit den Wesenszügen seines Kindes wirklich auseinander gesetzt hat.
Tipps entfalten auch nur dann eine positive Wirkung, wenn sie einem wirklich einleuchten. Wenden Sie also einen Rat nicht halbherzig oder gutgläubig an, sondern wandeln Sie ihn auf Ihre ganz persönliche Art von der Theorie in die Praxis um.

Beachten Sie auch folgenden Hinweis:
Diese Website enthält generell viele Inhalte und Tipps für hochsensible Menschen. Es ist für Bezugspersonen eines hochsensiblen Kindes empfehlenswert, auch in anderen Kapiteln über das Thema nachzulesen, speziell in der Rubrik "DER HOCHSENSIBLE MENSCH" (Kurztitel "hochsensibel").

Hier ein paar Tipps für Kapitel als Beispiele. Schauen Sie auch in anderen Kapiteln nach...

Und bitte nicht vergessen:

Haben auch Sie bewährte Tipps...

...aus dem Alltag mit Ihrem hochsensiblen Kind? Sie sind herzlich eingeladen, Ihre eigenen Tipps und Erfahrungen beizutragen und damit andere Eltern zu unterstützen.
(Benutzen Sie dazu das Kontaktformular.)

Wichtige Lernziele

Überreizung/Überstimulation

Jedes Kind gerät hin und wieder durch irgendein "Zuviel" in einen Überreizungszustand hinein: der Unterschied zwischen normalsensiblen und hochsensiblen Kindern ist ein gradueller: auch normalsensible Kinder können überreizt sein. Bei hochsensiblen Kindern liegt die Reizschwelle jedoch tiefer: sie nehmen die Welt intensiver wahr, und sie haben zusätzlich die Tendenz, das Wahrgenommene tiefer und detaillierter verarbeiten zu wollen.

So sind sie schneller überfordert und - kurz ausgedrückt - "nicht mehr bei sich". Es kann dann so sein, als ob bei einem Motor die Bremsen nicht mehr funktionieren würden, was sich individuell auf verschiedene Arten äussern kann (vergleiche "hypo" und "hyper" im Einführungskapitel über hochsensible Kinder).

Wir müssen uns auch bewusst sein, dass die heutige Zeit mit TV, Gameboys, Videospielen, Smartphones, Computern etc. generell einen höheren Stresspegel aufweist als es früher der Fall war. Wenn man z.B. nur schon an die TV-Werbung mit Filmvorschauen denkt: in Sekunden zerhackt folgen da Bild auf Bild, Ton auf Ton, Eindruck auf Eindruck... Vielleicht kennen Sie den Trickfilm über "Nemo", den kleinen Fisch: ein Drittel aller Spannungsmomente und Reize in diesem Film hätte schon genügt, um aus "Nemo" einen immer noch sehr spannenden Film zu machen...

Um ein Bild zu verwenden: Ein rasch drehendes Karussell zu stoppen, braucht sehr viel Energie: es ist einfacher, auf das Karussell aufzuspringen, ganz langsam zu bremsen beginnen - und wenn das "Drehen" aufhört, zu einer beruhigenden Tätigkeit überzugehen.

Abgrenzung

Dieser hochsensible Junge, der ein sehr empfindliches Gehör hat, trug während längerer Zeit - sowohl im Haus wie auch draussen, bei Kälte und bei Wärme - diesen Hut, der ihm offensichtlich ein Gefühl des Schutzes verlieh. Auch das ist eine intuitive Form der Abgrenzung, ist doch der Kopf ein wichtiger Ort der Wahrnehmung und besonders verletzlich. Es wäre völlig kontraproduktiv, einem Kind, das selber für sich eine gute Lösung entdeckt hat, zu sagen: "Zieh endlich den Hut aus, es ist doch ganz warm..."

Gespräche, Kommunikation

Kontakte, Freundschaften

Ein grosser Teil der hochsensiblen Kinder braucht mehr Zeit als ihre normalsensiblen Kolleginnen und Kollegen, Freundschaften zu schliessen oder sich in eine neue Gruppe zu integrieren. Die vielen neuen Eindrücke und Reize können ein sehr sensibles Kind schlicht überwältigen. Forschungen zeigen leider auch, dass Hochsensible häufiger als Normalsensible zu Aussenseitern werden können - oder Mobbing erleben müssen.

Um Wiederholungen zu vermeiden: Lesen Sie im Kapitel "Hochsensible Babys und Kleinkinder" nach, was dort über "Veränderungen, erste soziale Kontakte" steht: die Grundgedanken dieses Abschnittes können mit entsprechenden Anpassungen auch auf ältere Kinder übertragen werden.

Siehe auch das 4. Kinder-Kapitel, "Das hochsensible Kind in der Schule".

Dieser hochsensible, extrem introvertierte Junge war sich mit seinem äusserst reichen Innenleben, seiner Phantasie, seinen Hobbies und Ideen oft selbst genug. Seine Wellensittiche waren ihm wichtige Freunde, denen er viel Zeit widmete.

Literatur Such-Tipp

Obwohl ich eigentlich auf dieser Website nicht für Verkaufs-Seiten werben möchte, ist dennoch eine der übersichtlichsten Literaturlisten über Hochsensibilität auf www.amazon.de zu finden:

Wenn Sie dort zur Abteilung "Bücher" gehen und Stichwörter wie "das hochsensible Kind", "hochsensible Kinder", "Hochsensibilität" oder "hochsensibel" eingeben, finden Sie praktisch alles, was zu diesem Thema erschienen ist. Zusätzlich werden die Buchinhalte ausführlich beschrieben, und Kommentare von Lesern helfen, Pro und Kontras abzuschätzen und den Beliebtheitsgrad eines Buches zu erkennen.

Die Buchauswahl erstreckt sich automatisch auch auf verwandte Themen, siehe z.B. das oben erwähnte Buch über Schüchternheit.

Fallbeispiele

(werden noch fortgesetzt!)

HYPER UND HYPO: Sie haben in ihrem Einführungskapitel die Unterscheidung zwischen hochsensiblen "Hyper"- oder "Hypokindern" gemacht, dadurch verstehe ich meine jüngste Tochter jetzt viel besser. Auch die andern zwei Kinder sind hochsensibel, aber mehr "hyper": sie nehmen mit allem immer viel Raum ein. Die jüngste war immer recht pflegeleicht im Verhalten, ein gewissenhaftes, zuverlässiges, liebes Kind. Mühe machte sie uns mehr körperlich, sie bekam als Kleinkind schon Asthma, Neurodermitis und Allergien. Diese Unterscheidung zwischen Hyper und Hypo hat uns geholfen, der Kleinen mehr Beachtung zu schenken, wenn sie so brav und gewissenhaft ihren Weg geht, und nicht nur auf den "Lärm" zu achten, welchen die beiden Grossen manchmal veranstalten. Wir regen sie jetzt viel mehr an, auch ihre Kraft zu gebrauchen und sich gegen ihre Geschwister durchzusetzen. Wir unterstützen auch ihre Hilflosigkeit weniger und regen sie zur Eigenständigkeit an. Sie hat die Tendenz, unselbständig zu sein und bis jetzt haben wir ihr sicher zuviel abgenommen. Erst jetzt sehen wir ein, dass ihr das nicht viel hilft und fragen sie z.B. immer: "wie würdest du das denn machen?" oder "was könnte man tun?"...

SELBSTÄNDIGKEIT: Als ich selber (auch HSP) Mutter von Schulkindern war, wusste ich noch nichts von Hochsensibilität. Ich bemutterte meine Kinder gerne und hatte Angst, sie könnten etwas entbehren oder unter etwas leiden. Wenn sie mich etwas fragten, gab ich immer Lösungsvorschläge und Rat und stand ihnen bei, wenn sie Probleme hatten. Erst als meine Tochter selber Mutter wurde und ich sie mit ihren Kindern beobachten konnte, merkte ich, dass ich damals des Guten zuviel getan hatte und den Kindern zu wenig Raum gelassen hatte, ihre Probleme selber zu lösen. Meine Tochter hat eine sehr schöne Art gefunden, den Kindern zur Selbständigkeit zu verhelfen. Als ihre hochsensible Tochter in der Grundschule war, erwies sie sich als sehr unselbständig und übergewissenhaft. Sie wollte alles perfekt machen und stellte immer unzählige Fragen, ob das richtig und gut sei was sie da mache, und sie jammerte und quengelte oft. "Darf ich das tun? Wie soll ich das machen? Stimmt das so??" usw. Meine Tochter blieb immer freundlich und ruhig, bot aber nie sofort eine Lösung an. Sie fragte immer zuerst zurück, z.B.: "Was meinst du selber dazu?" "Was könnte man da machen?" Oder bei ganz unsinnigen jammernden Fragen sagte sie ganz überzeugt: "Das kannst du". Wenn das Kind hingegen echt nicht weiter wusste, fand es liebevolle Unterstützung. Meine Enkelin hat sich mit dieser "Methode" sehr gut entwickelt und ist heute schon sehr viel selbständiger.

RÜCKZUGSORT: N. hat die Möbel in seinem Zimmer verschoben, so dass sie für sein Bett eine kleine geborgene Nische bilden, wohin er sich immer wortkarg zurück zieht, wenn "das Leben zu wild ist". Rund um das Bett ziehen sich kleine Büchergestelle mit meterlangen Reihen von 'Mangas', und daneben steht sein Zeichnungstisch: Nebst Manga-Lesen bringt ihn Zeichnen am ehesten zurück auf den Boden. Seine Schwester braucht zuerst immer viel Zeit zum Erzählen und jemanden, der gut zuhören kann. Wiederholung ist dabei wichtig. Dadurch kann sie "verdauen", was sie alles erlebt hat - und Lösungen für Probleme finden. Erst dann zieht auch sie sich in ihr Bett zurück und liest.

EHRLICHE KOMMUNIKATION: S, 6-jährig, zeigt plötzliche Verhaltensauffälligkeiten, benimmt sich zum Beispiel im Gegensatz zu früher sehr aggressiv seiner kleinen Schwester gegenüber, ist nervös und unkonzentriert. Später stellt man im Rückblick fest, dass die Verhaltensstörungen gleichzeitig mit der Entdeckung einer Krebskrankheit bei der Mutter begonnen haben: Die Eltern hatten den Kindern die Erkrankung verschwiegen, um sie zu schonen und nicht zu belasten. Erst eine altersgemässe Aufklärung über die Befindlichkeit der Mutter brachte eine Besserung im Verhalten des Jungen.

UNTERDRÜCKTE ÄNGSTE: Die hochsensible A. darf zum ersten Mal mit den Eltern in die Ferien fliegen. Nach der Ankunft am Ferienort hat sie plötzlich fast 40 Grad Fieber, welches am nächsten Tag so schnell wieder verschwindet, wie es gekommen ist. Die Eltern finden dann zufälligerweise heraus, dass die Mutter vor der Reise mit dem Vater einmal über ihre Angst vor Flugzeugabstürzen gesprochen hat - und A. dies - beim Spielen in der Nähe - mitbekommen hat. Während des gesamten langen Fluges hatte A. in der Folge immer mit dem baldigen Absturz des Flugzeug gerechnet.

BERÜHRT SEIN: Der 11-jährige Y. zeigt immer wieder eine grosse Einfühlungskraft gegenüber seinen Mitmenschen und hält es schwer aus, wenn jemand leidet. Seine Mutter beobachtet zudem, dass er auch sehr berührt werden kann durch gefühlsvolle Musik: er weigert sich plötzlich, solche Musik zu hören, schimpft auf "sanfte Songs" und verlegt sich auf "Hard Rock". Die Mutter erkennt, dass Y. auf dem Weg zum Teenager seine Männlichkeit entdeckt und sich deshalb von seiner eigenen weichen Seite abzugrenzen versucht. Die Mutter spricht oft mit ihm darüber, dass "Männer" auch eine weiche Seite haben dürfen.

ANGST VOR DEM SCHWIMMUNTERRICHT: Mein hochsensibler Sohn fürchtete sich vor dem Schwimmunterricht in der Schule, weil er noch nicht schwimmen konnte. Wir erklärten ihm immer, dass der Unterricht dazu sei, schwimmen zu lernen, - aber er steigerte sich immer mehr in diese Sorgen hinein und vermutete, dass "alle andern sicher schon schwimmen können". Um ihn zu entlasten, baten wir eine Lehrerin und gute Schwimmerin in unserer Bekanntschaft, dem Jungen doch das Schwimmen beizubringen: indem wir das Problem aus der Familie heraus genommen und bei einer Drittperson deponiert hatten, löste es sich sehr schnell auf: Jedesmal, wenn S. vom Schwimmen mit dieser Lehrerin zurück kam, wirkte er entspannter, und schliesslich kam er hocherfreut nach Hause: "Ich kann schwimmen!!!" Wir vergessen nie das unglaublich glückliche, entspannte, stolze Gesicht unseres Kindes, er war im "siebten Himmel"!

sich entfalten dürfen - im eigenen Rhythmus

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